Gerhard Höberth

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Involution-Evolution bei Wilber und der Info-Spin im evolutionären Idealismus

1. Vorgeschichte

Mein letzter Blogbeitrag vom 25. April 2021 beschäftigte sich mit einer Kritik an Ken Wilbers integralem AQAL-Modell. Ein Punkt, der mir nicht ganz klar wurde, war die Einschätzung von Ken Wilbers Standpunkt zur Evolutionstheorie. Ich habe zwar fast alles von Wilber gelesen und weiß durchaus, dass ich bei manchen seiner Erklärungen einen anderen Standpunkt vertrete – wie etwa bei der «Involution» oder beim Begriff der «Seele», wenn es bei ihm heißt, dass ab einem gewissen Entwicklungsstadium die Seele von oben eindringt – wusste aber nicht, ob es an meinem mangelnden Verständnis bei Wilbers Texten lag oder wirklich daran, dass ich mit meinem EvId (= Evolutionärer Idealismus) eine andere Theorie dazu vertrat. Aus diesem Grund habe ich nach näheren Informationen recherchiert. Dabei fand ich die Kritik von Frank Visser «Warum Ken Wilber bei der Evolution falschliegt und die Beweise dafür ignoriert» aus den Jahren 2010 und überarbeitet 2020. Dieser Text kritisiert Wilber, bietet aber keine Alternative. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, eine Analyse des Visser-Textes zum Anlass zu nehmen, das Konzept des Info-Spins im EvId besser herauszuarbeiten. Auch im Hinblick auf Fragen, die mich in der Vergangenheit immer wieder erreichten, mit dem Anliegen, den Info-Spin, der doch eine zentrale Komponente meiner Philosophie ist, genauer zu erläutern.

2. Einführung

In Wilbers integraler Theorie taucht immer wieder die Idee auf, dass Evolution ein spirituelles Phänomen ist, bei dem der Geist (im individuellen Holon) und der GEIST (als ganzheitliches Phänomen) eine wichtige Rolle spielen. Evolution wird von «Spirit» (Geist / Eros / Atman) geleitet und steuert teleologisch auf den «Spirit» (GEIST / Punkt-Omega / Brahman) zu. Das ist in meinem EvId ebenso. Auch in meiner Philosophie sind diese beiden Perspektiven des Subjektiven Triebfedern der objektiven Evolution. Aber es gibt eben auch wichtige Unterschiede, wie die teleologische Kraft des Geistes in der Evolution genau eingreifen.

3. Vissers Kritik an Wilber

Sehen wir uns zuerst die Kritik an Wilbers Standpunkt zur Evolution an (wobei ich mich dabei an die Beschreibungen von Frank Visser halte):

Während die Konzepte von Holons, Haufen oder Artefakte; Quadranten, Ebenen, Linien, Typen und Zustände alle psychologischer oder philosophischer bzw. erkenntnistheoretischer Natur sind, gibt es ein Konzept, welches erst die spirituelle Komponente in die integrale Theorie einbringt: Das Konzept von Involution und Evolution. Nur damit geht das Modell über eine rationale, materialistische Erklärung der Wirklichkeit hinaus. Damit wird es spirituell. Hier kommen Geist und GEIST ins Spiel. Die subjektive Seite der Wirklichkeit wird damit mehr als eine psychologische Komponente des Systems. Sie trägt zu einer nichtmateriellen Erklärung der Welt bei. Aber wie sehr ist dieses spirituelle Modell nun in wissenschaftlichen Fakten verwurzelt? Beachtet es den Stand der modernen Forschung?

Der Vorwurf an Wilber liegt nun darin, dass er sich um solche Forschungsergebnisse nicht kümmert und stattdessen seine ganz eigene Interpretation des Darwinismus als Grundlage für seine Theorie als Basis nimmt, um die Evolutionstheorie ins Spirituelle zu transzendieren.

Zunächst ist es klar, dass sich die Wissenschaft nicht auf einen Geist berufen kann, um Unerklärliches zu erklären. Das liegt außerhalb ihrer Kompetenzgrenzen. Aber andererseits ist es auch keine gute Idee, sich auf (bisher) wissenschaftlich Unerklärliches zu berufen, um den Geist in eine allumfassende Theorie einzubinden. Denn sonst kommt man in dieselbe Situation, in der die Kirche nach der Aufklärung steckte, als man von der «Wohnungsnot Gottes» sprach, weil der Kirche mit jeder wissenschaftlichen Entdeckung immer mehr «Beweise» für die Existenz Gottes abhandenkamen. Das brachte sie schließlich dazu, neue Erkenntnisse der Wissenschaft einfach zu ignorieren, um am Gottglauben festhalten zu können. Auch wurden wissenschaftliche Theorien falsch dargestellt, um weiterhin einen nötigen spirituellen Einfluss geltend machen zu können. Dies ist auch die Basis des Kreationismus.

Wissenschaft geht verständlicherweise nicht von einem höheren Sinn oder von einem Endzweck der Evolution aus, sondern versucht, empirisch das Geschehen auf Ursache und Wirkung zurückzuführen. Das ist ihre Aufgabe, die man ihr nicht zum Vorwurf machen kann. Aber daraus eine Sinnlosigkeit der Welt und des Lebens abzuleiten ist ein psychologisches Problem. Dann neigt man dazu spirituelle Scheinlösungen zu akzeptieren, indem man Wissenschaft ignoriert.

Präsentiert Wilber eine solche Scheinlösung? Und wenn ja, welche Fakten blendet er dazu aus?

«Evolution ist das Produkt von Zufall und Notwendigkeit.» So lässt sich die wissenschaftliche Theorie der Evolution zusammenfassen. Nun fragt sich der Laie, wie so vielschichtige Dinge wie Organismen mit ihren komplex aufgebauten Organen ein Produkt bloßen Zufalls sein können? Tatsächlich ist der Kosmos trotz seiner 13,7 Milliarden Jahre nicht alt genug, dass das Leben die nötige Zeit gehabt hätte, aus purem Zufall zu entstehen. Wer kannt nicht die Metapher des Wirbelsturms am Schrottplatz, der zufällig eine Boeing 737 zusammenschraubt, oder die Horde Affen, die wild auf Schreibmaschinen rumtippen und zufällig Shakespeares Hamlet schreiben? Zufall alleine reicht nicht. Nicht einmal für ein Enzym. Das lässt sich mathematisch beweisen. Die Wahrscheinlichkeit ist zu gering.
Das macht natürlich anfällig für andere Erklärungen. Wenn der Geist in den Dingen, die Evolution steuert, dann würde das erklären, wie in so kurzer Zeit der Mensch entstehen konnte. Aber es handelt sich dabei um ein Strohmann-Argument. Die Aussage der Wissenschaft wird verzerrt wiedergegeben, damit man sie besser kritisieren kann. Danach wird eine Lösung für ein Problem angeboten, das so gar nicht existeiert.

Kann man eine solche Scheinlösung in Wilbers Werk erkennen? Und worin genau liegt der Irrtum?

In seinem Buch «Spektrum des Bewusstseins» von 1977 tauchen die Begriffe «Involution» und «Evolution» bereits auf. Wobei damals die Bedeutung noch dergestalt war, dass Evolution eher mit dem identisch war, was man philosophisch Emanation nennt, also das sich-selbst-Ausgießen-Gottes in die Vielfalt der manifestierten Welt, während Involution die Entwicklung der Einzelseelen zurück zur göttlichen Einheit bezeichnete. Das war in der Phase eins seines Wirkens (von denen er selbst fünf unterscheidet), indem er weitgehend die romantischen Ideen von C.G.Jung vertritt, die in spirituellem Wachstum eine Rückkehr zu einem verlorenen (infantilen) Zustand sieht.

Im «Atman Projekt» von 1980 – welches in Phase zwei fällt, in der er sich mit Entwicklungspsychologie auseinandersetzt und das erste mal das Konzept der Prä-Trans-Verwechslung einführt – wird die Bedeutung umgedreht. Diesmal ist Involution die Abwärtsbewegung Gottes zur Vielheit in der manifestierten Welt, während Evolution die Aufwärtsbewegung der Welt zur Einheit mit Gott ist. Und damit wird der Geist, der Spirit die treibende Kraft hinter der Evolution, wie sie die Wissenschaft versteht. Schon damals meinte er, dass natürliche Selektion die hierarchische Gliederung von Ganzheiten in Ganzheiten nicht erklären kann. Dies werde erst verständlich, wenn man Evolution als die Umkehrung der Involution betrachtet. Die wissenschaftliche Theorie der natürlichen Auslese leide daran, dass sie nicht erkennt, welche Rolle der Geist in der Evolution spielt. Deshalb ist der Titel seines nächsten Buches auch Halbzeit der Evolution. Der Mensch ist ein Wesen, nicht mehr Tier und noch nicht Gott.

In «Eros, Kosmos, Logos», dessen Untertitel im Original «The Spirit of Evolution» lautet, erklärt er, dass der Darwinismus zwar die Mikro- aber nicht die Makroveränderungen erklären könne. Was er genau damit meint, wird deutlich, wenn er annimmt, die Evolution benötige hunderte gleichzeitig auftretende Mutationen, um aus Vorderbeinen funktionsfähige Flügel zu machen. Er befindet sich nun nach eigenen Angaben in Phase vier seines Schaffens, in dem er AQAL entwickelt.

Auch in seinem Buch «Eine kurze Geschichte des Kosmos» nimmt er Statistiken zum Ausgangspunkt, die zeigen sollen, dass der Kosmos nicht alt genug ist, um auch nur ein Enzym durch puren Zufall entstehen zu lassen. (Wirbelsturm am Schrottplatz, der ein Flugzeug zusammenbaut, Affen mit Schreibmaschienen, die aus Zufall Hamlet schreiben.) Das nimmt er als Beweis dafür, dass etwas anderes als der Zufall die Evolution vorantreibt. Aber das ist ein Strohmann-Argument. Denn in Wirklichkeit geben ihm die Wissenschaftler sogar recht, der Zufall alleine bewirkt nichts. Aber für ihn ist klar, dass es der Spirit ist, der Eros, der hinter der Evolution steckt, während Wissenschaftler dem Zufall die nicht zufällige natürliche Selektion zur Seite stellen. Im Grunde passiert hier Wilber ein Quadrantenabsolutismus, indem er nicht berücksichtigt, dass sich Holons – und seien es auch nur Enzyme – immer im Kontext der Umgebungsbedingungen entwickeln. («Survival of the fittest» = Überleben des am besten an die Umgebung Angepassten.) Nichts formt sich alleine. Evolution ist immer Koevolution eines ganzen Ökosystems. Wilber stellt aber die Möglichkeiten «Eros oder Zufall» unter Auslassung der «Notwendigkeit» gegeneinander und kommt zu dem Schluss, dass es Eros sein muss, der die Welt vorantreibt, weil Zufall als Erklärung alleine nicht ausreicht. Dabei liegt der Logikfehler in der Grundannahme. Kein Evolutionsbiologe beschränkt den Antrieb der Entwicklung auf den Zufall. Die eigentliche Kraft liegt in der Selektion.

Hat sich an dieser Position in der Zwischenzeit etwas geändert?

Wilber sagte einmal, dass die integrale Theorie nicht an diesem speziellen Thema hängt und man würde, wenn die Wissenschaft etwas in dieser Richtung beweisen könnte, das eben in die Theorie integrieren.

Aber mir scheint die integrale Theorie in ihrer heutigen Form sehr wohl von dieser Frage abhängig.
Denn wenn es sich herausstellt, dass Evolution ganz ohne die Intervention eines Geistes funktioniert und durch ganz materialistische Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge erklärt werden kann – und ich denke, dass es so ist –, dann ist die Verbindung der integralen Theorie zu jeglicher spirituellen Vorstellung gekappt. Zumindest wüsste ich dann nicht mehr, mit welchen Argumenten – außer subjektiver Empirie, die aber von Materialisten anders gedeutet wird – eine spirituelle Komponente im Universum ableitbar wäre.
Trotzdem wäre die integrale Theorie ohne Zweifel ein sehr wichtiges Instrument, die Welt in ihren Zusammenhängen zu erklären. Nur spirituell wäre sie wohl nicht mehr. Aber vielleicht übersehe ich da etwas Entscheidendes.
Zwar vertritt Wilber keinen Kreationismus, bei dem ein Gott von Außen in die Welt und den Evolutionsprozess eingreift, sondern ein monistisches Konzept, bei dem der Geist in der Materie immanent ist – was ich in meinem EvId auch vertrete –, aber in einem Lehrvideo von 2009 sagt er explizit: «Die Wissenschaft ist hilfreich bei Phänomenen, wenn sie einmal entstanden sind, aber sie ist unfähig, Phänomene zu erklären, wenn sie zum ersten Mal erscheinen.» Das klingt schon so, als wäre er immer noch überzeugt, dass der Geist bei der Evolution eine Rolle spielt, die von der Wissenschaft innerhalb ihrer Kompetenzgrenzen nicht erklärt werden kann.

Soweit meine, in eigenen Worten zusammengefasste Kritik Frank Vissers an Wilbers Evolutionsbegriffs und kurze Bezüge zu meinem «Evolutionären Idealismus»

(Mich irritiert zusätzlich dazu – wie bereits anfänglich erwähnt – die Annäherung Wilbers in seiner Phase 5 an religiös-esoterische Konzepte wie «Seele» und «Subtile Energien». Aber dazu kann ich mich erst äußern, wenn ich genau verstanden habe, wie er diese Konzepte mit der integralen Theorie in Verbindung bringt. Dazu möchte ich erst die Exzerpts A-G genauer durcharbeiten.)

Nun aber zu meinem alternativen Vorschlag, wie man Geist/GEIST in einer integralen Theorie mit der Evolution in Verbindung bringen kann.

4. EvId und der Infospin

Ich nehme für mich in Anspruch, eine solche «kreationistische» Theorie für meinen EvId nicht zu benötigen. Entsprechend erkläre ich auch in meinem Buch «Evolutionärer Idealismus» von 2010 explizit die Mechanismen der Evolution OHNE die Inanspruchnahme von geistigen Interventionen. Auch in meinem kurzen Blog-Artikel über «evolutionäre Hardwareentwicklung» gibt es keine Einmischung einer geistigen Kraft. Der EvId kommt eindeutig ohne eine solche Prämisse aus und ist trotzdem eine spirituelle Theorie über die Wirklichkeit unserer Welt. Dies deshalb, weil in dieser Theorie die Trennung zwischen Materie und Geist ganz explizit eine rein perspektivische Aufteilung darstellt (wie ich es ursprünglich auch der integralen Theorie unterstellte).

«Materie» ist «Geist von außen betrachtet» und «Geist» ist «Materie von innen erlebt».

Wenn also Evolution rein materiell funktioniert, funktioniert sie aus einer anderen Perspektive rein geistig/spirituell. In meinem neuen Buch, das ich derzeit (2021) noch in Arbeit habe, beschreibe ich auch detailliert, warum ein Materialismus in sich nicht konsistent sein kann, wenn er nicht gleichzeitig ein Panpsychismus ist. Dies klingt zunächst relativ banal. Wenn man es nicht animistisch interpretiert, so dass alles, wofür wir uns einen Namen ausdenken können, auch ein Bewusstsein besitzt, sondern streng zwischen Holons, Haufen und Artefakten unterschieden wird, scheint sich nicht viel an unserer Wirklichkeit zu verändern. «Dann wohnt eben allem ein Schauen inne. So what?»

Aber es ergeben sich radikale Implikationen, wenn man die Innenansicht von Holons konsequent durchdenkt.

Was also ist das Wesen des «Evolutionären Idealismus»?

4.1 Grundkonzept

Um den Unterschied zu Wilbers Evolutionsgedanken (in Vissers Kritik) zu erklären, muss ich zunächst die Grundlagen des EvId deutlich machen:

(Hinweis: Wer dieser Erklärung (noch) nicht folgen kann oder will, der/die sollte eventuell im Punkt 4.5 bei den Schlußfolgerungen weiterlesen.
Eventuell kann er/sie danach nochmal hierher zurück springen, wenn er/sie die Begründung für diese Schlussfolgerungen erfahren will).

Der Kosmos als raumzeitliche Ganzheit ist Teil des göttlichen Bewusstseins (Panentheismus) und ist als «mathematischer» Cyberspace realisiert. (Wobei man dabei Mathematik nicht auf ihre rationale Funktion beschränken darf, sondern auch die pythagoreische Seite, die harmonischen Resonanz, einbeziehen muss.)

Dieser Cyberspace erzeugt einen rechnenden Raum, ähnlich zellulärer Automaten. Mit dem Unterschied, dass die Zellen des göttlichen Cyberspace unscharfe Positionen und Werte haben, weil sie sowohl Teile des Ganzen, als auch das Ganze selbst sind. Erst durch ihre Interaktionen untereinander «schärfen» sie sich gegenseitig und trennen sich damit temporär/illusionär von der Ganzheit ab. Die Teile der Ganzheit differenzieren sich von der Ganzheit, indem sie untereinander agieren, und dadurch so tun, als wären sie nicht «die Ganzheit» sondern nur «Teil davon». Es handelt sich also um Selbsterschaffung durch sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Denn paradoxerweise ist ihre Interaktion untereinander nur dadurch ermöglicht, dass sie derselben Ganzheit angehören, von der sie sich durch diese Interaktion zu differenzieren scheinen.

In ihren Interaktionen teilen sie sich gegenseitig Werte zu, die spontan entstehen und von einer Zelle zur Nächsten weitergegeben werden, in ihrer Gesamtsumme aber immer null sind.

Die virtuellen Informations-Werte, mit denen die Zellen jonglieren, ergeben die energetisch-materiellen Partikel des Raumes. Diese Partikel bilden die zweite Stufe jener Integrationsleiter, mit deren Hilfe sich die Teile als Gemeinschaften wieder der Ganzheit innerhalb des Cyberspace annähern. Dies ist der EROS im EvId.

Durch ihre Interaktionen erzeugen die temporären Teile der Ganzheit eine Verkettung, welche als Raumzeit erscheint. Die «Taktfrequenz» des rechnenden Raumes ergibt dabei die Lichtgeschwindigkeit. Diese Verkettung erzeugt eine Separierung der bewussten Ganzheit in sechs Komponenten, zwei primäre und vier sekundäre: Die primäre Spaltung teilt den rechnenden Raum in objektive Information einerseits und subjektive Bedeutung andererseits auf (was einer Trennung des Informationsraumes in Objektbetrachtung und Subjektidentifikation entspricht). Aus den unterschiedlichen Kombinationen dieser beiden Komponenten über mehrere Stufen der Integrationsleiter bilden sich schließlich die vier Quadranten, wie wir sie auch aus der integralen AQAL-Theorie kennen. Diese bilden die vier sekundären Komponenten.

4.2 Holons

Holons sind stabile Informations-Konglomerate interaktiver virtueller Werte auf unterschiedlichen Integrationsniveaus, welche die Informations-Ganzheit aus der sie bestehen, aus ihrer Perspektive in diese vier Quadranten aufteilen. Dabei werden die rechnenden Werte aller Integrationsstufen unterschiedlich als objektive Informationen und subjektive Bedeutungen interpretiert. Während es bei den kleinsten Holons, den subatomaren Partikeln, klar ist, dass sie bei jeder Interaktion aus dem einheitlichen Feld des Quantenvakuums mit seinen Wahrscheinlichkeitswellen «herauskommen» und nach der Interaktion wieder dorthin «verschwinden», so ist das bei Holons höherer Integrationsstufen nicht so leicht erkenntlich, weil sie sich aus Subholons zusammensetzen, die ihrerseits andere Spannen innerhalb der Raumzeit beanspruchen.

Ich schlage daher eine differenziertere Definition für den Begriff Holon vor:

«Holon ist die Bezeichnung für die interne Perspektive eines autopoietischen, monolithischen Musters, welches sich aus Teilsystemen zusammensetzt und selbst Teil eines größeren Systems sein kann.» Damit wird erklärlich – was viele Philosophen an der Idee der vier Quadranten kritisieren –, warum es diesen ontischen Unterschied zwischen der Materie des eigenen Systems und der Materie der äußeren Umgebung geben sollte. Denn es geht nicht um die Materie, sondern um das systemische Muster des Holons, das sich materiell manifestiert, in dem sich Subholons an dem Muster ausrichten.

Mit dieser Definition wird klargestellt, wie und warum auch Holons höherer Ordnung als die der subatomaren Teilchen, als «Quantenkollaps» aus der Ganzheit kommen und sich nach der Interaktion mit der Welt wieder in diese Ganzheit integrieren können. Doch dazu später.

4.3 Infospin

«Infospin» bezeichnet den Prozess der Verkettung der Holons als «monolithische Informationskonglomerate» durch gegenseitige Interaktionen. Er ergibt sich aus einer wandelnden Interpretation der Dimensionen Raum und Zeit. Das bedeutet, dass die phänomenologische Perspektive auf die Informationsmuster unserer Wirklichkeit vom Holon so interpretiert wird, dass sich die subjektiv erlebten Effekte der Raumzeit «drehen».

Jede temporäre Trennung des Teils von der Ganzheit und dessen Wiederintegration verläuft in einer Drehung, einem Spin des Informationsraumes. Durch diese Drehung verketten sich die Holons zu einer einheitlichen Wirklichkeit. Wie muss man sich das vorstellen?

Mathematisch ist derartiges schon aus dem Bereich der Physik der schwarzen Löcher bekannt. Wenn die Schwerkraft einen Faktor erreicht, bei dem die Fluchtgeschwindigkeit die Lichtgeschwindigkeit erreicht (Ereignishorizont), wandeln sich Zeit und Raum in ihren Eigenschaften ineinander um. Raum erhält die Eigenschaften der Zeit, also einen unwiderstehlichen und unumkehrbaren Strom, dem sich alles Existierende unterordnet, während die drei Dimensionen sich in einer einzigen vereinen. Und Zeit erhält Eigenschaften des Raumes, also ein nebeneinander Existieren von unterschiedlichen Prozessphasen.

Beim Ereignishorizont geschieht dies innerhalb der objektiven Information. Beim Infospin innerhalb der subjektiven Bedeutung.

Um das zu erklären, betrachten wir zunächst den Quantenkollaps in einer Interpretation des Infospins. Konkret gibt es vier Phasen des Infospins:

Phase 1: Das Teilchen existiert (noch) nicht in der realen Wirklichkeit, sondern nur als Quantenwahrscheinlichkeitswolke als Teil der Ganzheit. Es ist eingebunden in die ganzheitliche Quantenfunktion als Faktor der Wahrscheinlichkeitsverteilung.
Phase 2: Die Realität der materiellen Wirklichkeit strebt eine Interaktion mit dieser Wahrscheinlichkeit an und induziert den Quantenkollaps (Dekohärenz). Dazu löst sich das Teilchen aus der Ganzheit, um sich zu konkretisieren. Dies ist der Punkt des Zufalls, der der Wissenschaft verborgen ist: Wie wird entschieden, welche der unendlich vielen Wahrscheinlichkeiten Realität wird? Wir wissen nur, wie wahrscheinlich ein bestimmter Ort und ein bestimmter Impuls des Teilchens sind. Diese Wahrscheinlichkeit ist mathematisch determiniert. Nicht aber die Konkretisierung als Kollaps der Wahrscheinlichkeit zur Realität. Es kann etwas sehr Unerwartetes passieren, solange dessen Wahrscheinlichkeit nicht null ist.

Phase 3: Der Quantenkollaps ist vollbracht, das Teilchen ist in der Realität manifestiert und interagiert mit der Welt. Es ist als raumzeitliches Objekt in der Wirklichkeit vorhanden.
Phase 4: Die Interaktion des Teilchens mit der Welt endet und es wird wieder zur Wahrscheinlichkeitswolke. Es integriert sich wieder in die ganzheitliche Quantenfunktion des Kosmos als Ganzes. Allerdings durch die konkreten Interaktionen in Phase 3 mit völlig neuen Wahrscheinlichkeitsverteilungen.

So wie wir den Prozess des Quantenkollapses jetzt beschrieben haben, ist es immer der Blick von außen auf diesen Prozess aus unserer dreidimensionalen Wirklichkeit heraus, und zwar zu einem bestimmten Zeitpunkt. Das ist die normale Sicht aus physikalischer Perspektive, ohne inneres Erleben. Wie aber würde das Teilchen selbst diesen Prozess phänomenal erleben, wenn es genügend Bewusstsein hätte, das zu beobachten? Wenn Panpsychismus Wirklichkeit ist, dann ist die Welt nur vollständig beschrieben, wenn wir beide Perspektiven berücksichtigen. Die spezielle Eigenschaft einer Innenperspektive ist, dass sie sich in vier Bereiche Gliedern lässt (ähnlich den vier Quadranten aus AQAL, aber ein wenig anders in der Erklärung): Die zwei Achsen dieser Bereiche sind [Vergangenheit ← → Zukunft = Erinnerung ← → Erwartung] und [Innenraum ← → Außenraum = Intention ← → Sinneseindrücke]. Anhand dieser Kriterien werden alle Informationen, welche das Holon bilden (man beachte dabei meinen Vorschlag einer geänderten Definition) in vier Bereiche eingeordnet: «vergangener Außenraum», «vergangener Innenraum», «zukünftiger Außenraum» und «zukünftiger Innenraum».

Betrachten wir also diese vier Phasen nochmal aus der Perspektive des Teilchens:

Phase 1: Das subjektive Empfinden des Teilchens ist in diesem Bereich mit der Ganzheit identifiziert, also im wahrsten Sinn des Wortes «undifferenziert», und hat nur insofern eine Einbindung in Raum oder Zeit, als eine Manifestation in unterschiedlichen Raum-Zeit-Punkten unterschiedlich wahrscheinlich ist. Die vier phänomenologischen Bereiche sind aufgelöst. Das Subjekt ist alles.
Phase 2: Die Realität der materiellen Wirklichkeit strebt eine Interaktion mit dieser Wahrscheinlichkeit an und induziert den Quantenkollaps. Das subjektive Empfinden des Teilchens in diesem Augenblick des Quantenkollapses ist dergestalt, dass der räumliche «Fall» aus der Ganzheit zum Raum-Zeit-Punkt des Kollapses als zeitlich empfunden wird. Die Vergangenheit (unserer Perspektive von vorhin) dieses Raum-Zeit-Punktes, welche den Kollaps induziert hat, wird vom Teilchen phänomenal als eigene Innerlichkeit (Motivation/Intention) erlebt. Die Zukunft dieses Raum-Zeit-Punktes (unserer Perspektive von vorhin) mit all ihren Möglichkeiten, erlebt das Teilchen als Außenwelt. Die Ganzheit, aus der es kommt, wird als Vergangenheit interpretiert (aus unserer Perspektive von vorhin der Außenraum des entstehenden Teilchens) und das konkrete Teilchen, zu dem es werden soll, ist die Zukunftsaussicht.
Phase 3: Das subjektive Empfinden des Teilchens entspricht der raumzeitlichen Ordnung, wie wir sie kennen.
Phase 4: Die Interaktion des Teilchens mit der Welt endet und es wird wieder zur Wahrscheinlichkeitswolke. Das subjektive Empfinden des Teilchens wandelt sich wieder, sodass die Wahrscheinlichkeiten der möglichen Zukunft dieses Raum-Zeit-Punktes zum phänomenalen Innenraum des Holons werden. Die Vergangenheit dieses Raum-Zeit-Punktes mit allen Interaktionen mit der Wirklichkeit wird zum Außenraum. Die Begrenztheit der Identifikation mit der Manifestation des Holons in der Wirklichkeit wird zur Vergangenheit und die Wiederintegration mit der Ganzheit zur Zukunft.

Diese vier Phasen sind aus meiner philosophischen, panpsychistischen Interpretation der Quantentheorie entnommen und können auf alle Holons angewendet werden, wenn man die Holons nicht mehr als materielle Systeme innerhalb der Weltganzheit betrachtet, sondern – wie von mir vorgeschlagen – als Muster, an denen sich Materie anlagert (wie sich Eisenspäne an ein Magnetfeld anlagern, um dessen Muster sichtbar zu machen), um sie zu manifestieren. (Wobei zu beachten ist, dass Materie nicht aus Materie besteht, sondern aus Holons, die ihrerseits wieder inkarnierte Muster sind, die sich durch anlagerungen der "Materie" ihrer Subholons manifestieren. Materie ist eine Illusion.) Nicht das materielle System des Holons macht die Phasen des Infospins durch, sondern das Muster, an dem sich Subholons anlagern. Phase 2 wird damit zum Bardozustand vor der Geburt (Sipa-Bardo) und Phase 4 zum Bardozustand nach dem Tod (Tschikhai-Bardo) des Holons.

4.4 Karma und Reinkarnation

Im EvId gibt es – wie ZB auch im Buddhismus – keine Individualseele, welche dann im Himmel (oder der Hölle) auf ewig lebt. Diese Funktion übernimmt der Zeuge, der aber in allem derselbe ist. Aber dieser Zeuge identifiziert sich in den Teilen und somit gibt es durchaus so etwas wie eine Individualseele, die dann reinkarnieren kann, es ist das Muster des Holons.

4.5 Involution, Exvolution und Evolution

Involution ist die Phase 2 des Infospins, bei der sich der göttliche Funke von der Einheit löst, diese Einheit vergisst und aus der Vergangenheit der Möglichkeitswolke die Informationen aufnimmt, um in Zeit und Raum eine individuelle Perspektive einzunehmen. Da jeder winzige Teil der Wirklichkeit aus Holozellen besteht und jede Holozelle diesem Infospin unterliegt, wird die Welt in jedem Augenblick durch permanente Involution neu erschaffen. Anders als bei Wilber geschieht die Involution also nicht am Beginn des Kosmos, sondern in jedem Augenblick, in dem sich ein Holon über den Infospin inkarniert.

Exvolution ist die Phase 4 des Infospins. Jener Bereich, bei dem die Holozelle ihre Information als Wahrscheinlichkeitswolke in die Zukunft abstrahlt, während der göttliche Funke über einen Prozess der Ent-Individualisierung (oder De-Intentifikation vom individuellen Muster bzw. Re-Identifikation mit der Ganzheit) jene abgeschatteten und ausgeblendeten Informationen wieder aufnimmt, die ihm eine Wiederintegration in die göttliche Einheit erlauben.

Auf diesen beiden gegensätzlichen Strömungen schwimmt der manifeste Raumzeit-Kosmos.

Innerhalb der Wirklichkeit – also in jenem Bereich, der sich aus der Überlagerung der Phase 3 der Info-Spins aller gegenwärtig inkarnierten Holozellen ergibt – entfaltet sich die Evolution, welche die Emergenz des Kosmos vorantreibt und von absolut gleichförmiger Zersplitterung beim Urknall zur organisierten und manifestierten Ganzheit des Omegapunktes hinführt. Diese Tendenz kennen wir als Evolution des Kosmos.

Obwohl diese Evolution vollkommen nach den neo-darwinistischen Prinzipien nach «Zufall und Notwendigkeit» abläuft, gibt es zwei Punkte, an denen das Bewusstsein in diesen Prozess eingreift und eine Leitschiene, die der bewusste, panpsychische Kosmos vorgibt.

Der erste Punkt, an dem Bewusstsein in die Evolution eingreift, ist der Inkarnationspunkt in Phase 2 des Infospins. Erinnern wir uns nochmal, was in dieser Phase passiert: «Phase 2: ... Die Vergangenheit ... wird vom Holon phänomenal als eigene Innerlichkeit erlebt.» Das bedeutet, dass das sich manifestierende Muster der Quantenwahrscheinlichkeit als innere Stimmung vorhanden ist. «Die Zukunft mit all ihren Möglichkeiten, erlebt das Holon als Außenwelt.» In dieser Situation entscheidet sich das Holon aus einer inneren Affinität für eine bestimmte Manifestation aus dem Angebot der Möglichkeiten. Das Karma des Holons ist somit die bohmsche Führungswelle der Quantenphysik, aber eben nicht auf den Kollaps von Teilchen beschränkt, sondern bei jeder Inkarnation eines Holons. Der «Zufall» der Quantenwirklichkeit ist eigentlich «Karma».

Der zweite Punkt, an dem Bewusstsein in die Evolution eingreift, ist die «spirituelle Blindsicht». Die Gegenwart erzeugt die Möglichkeiten der Zukunft. Es gibt viele virtuelle Szenarien für die Zukunft, die als Möglichkeitswolken mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten vor uns liegen. Wenn wir durch unseren Erwartungshaltungen die Aufmerksamkeit auf bestimmte Situationen lenken, stärken wir Wahrscheinlichkeiten für die Inkarnation von Mustern in konkreten Situationen. Das funktioniert über eine Art spiritueller Blindsicht. Da die Trennung des Holons von der Ganzheit eine Illusion ist, sind immer Informationen über die Wahrscheinlichkeitswolken vorhanden und das Holon sucht sich mit seinen Handlungsentscheidungen unbewusst ihren Weg in die Zukunft durch das Labyrinth der Möglichkeiten. Der Ablauf erfolgt über Grundmusteraffinitäten: Mir geschieht, was mir geschieht, weil ich bin, wer ich bin.

Aber trotz dieser Grundmusteraffinitäten sind wir unserem Schicksal nicht völlig hilflos ausgeliefert. Innerhalb unserer karmischen Vorgaben sind Freiheiten vorhanden, welche unterschiedliche Manifestationen erlauben. Durch die Konzentration unserer bewussten Aufmerksamkeit auf bestimmte Affirmationen stärken wir die Wahrscheinlichkeiten für diese Manifestationen über unsere Co-Kreations-Teilhabe an der permaneten Neuschöpfung des Kosmos. Die Affinität des Holons zu den unterschiedlichen Zukünften wird damit verändert. Wir beeinflussen das Muster zur Organisation unserer SubHolons und über eine blindsichtige Erleuchtung des richtigen Weges zur Manifestation neigen wir mehr zu jenen Mikroentscheidungen, welche uns der Affirmation annähern. Dies sind auch die Tendenzen, welche die Epigenetik steuern. Also jene Mechanismen, welche bestimmte Gensequenzen ein- oder ausschalten, was die Evolution völlig im Rahmen der neodarwinistischen Theorie beeinflusst.

Schließlich gibt es die Leitschiene des panpsychischen Kosmos, die als Attraktor in das System des Kosmos eingeschrieben ist und eine Form von Teleologie erzeugt. Einen Sog, der die Evolution über die rein kausalen Mechanismen von Mutation und Selektion zum Punkt Omega zieht, an dem der gesamte Kosmos (in sehr, sehr ferner Zukunft) ein einziger, bewusster Organismus geworden ist.

Dieser Sog hat zwei Teile.

Teil eins ist die «Sehnsucht» der Teile, wieder zur Ganzheit zurückzukehren. Sie manifestiert sich in jeder Interaktion, durch welche die Einzelteile sich gegenseitig übereinander informieren. Wenn ZB zwei Teilchen zusammenstoßen und sich damit gegenseitig zum Quantenkollaps und damit zur konkreten Manifestation im Kosmos zwingen, so sind ihre gegenseitigen Informationen in den zukünftigen Wahrscheinlichkeitswolken der Teilchen eingeschrieben. Sie wissen danach voneinander. So erschaffen sich Holone gegenseitig. Jede Emergenz entsteht durch Vernetzung der Informationen.

Teil zwei liegt in der Phase 2 der letzten Inkarnation dieses Kosmos als göttliche Ganzheit. Denn beim «Kollaps» des letzten Holons ist die Vergangenheit des gesamten Kosmos und damit aller jemals manifestierten Holons die Innenansicht des göttlichen, ganzheitlichen Organismus. Dieser Sog bewirkt auch, dass jedes Ereignis, welches diese letzte Inkarnation verunmöglichen würde, zerstört den Kosmos derart, dass er nicht aufhört zu existieren, sondern dass er nie begonnen hat, zu existieren.

Im Evolutionären Idealismus ist damit sowohl die Teleologie des Kosmos als auch die Leitfunktion des Eros als integraler Bestandteil der Evolution eingewebt, ohne auch nur an einer einzigen Stelle gegen die Kausalität der neodarwinistischen Gesetze von Mutation und Selektion zu verstoßen. Es benötigt keine subtilen Energien, keine von der Materie unabhängigen Seelen und keinen kreationistischen Gott, der in die Prozesse des Universums von außen eingreifen muss.

Gerhard Höberth © 2021